Johannes 1,1 gehört zu den zentralen christologischen Passagen des Neuen Testaments. Kaum ein anderer Vers hat in der Auslegungsgeschichte eine vergleichbare Rolle in der Frage nach der Gottheit Jesu gespielt. Besonders der letzte Satzteil „und das Wort war Gott“ steht seit jeher im Mittelpunkt theologischer Diskussionen.
Es ist deshalb entscheidend, den genauen Wortlaut von Johannes 1,1 zu untersuchen. Um die Aussage des Verses angemessen zu verstehen, müssen mehrere Ebenen berücksichtigt werden: die Textüberlieferung, die Grammatik, die Übersetzungstradition und der literarische Zusammenhang des Prologs.
Textkritische Analyse
Bevor man einen biblischen Text auslegen kann, stellt sich zuerst die Frage, ob der ursprüngliche Wortlaut des Textes sicher vorliegt. Genau hier setzt die Textkritik an. Sie vergleicht die zahlreichen antiken Handschriften des Neuen Testaments, um mögliche Varianten zu identifizieren und den wahrscheinlich ursprünglichen Grundtext zu rekonstruieren.
Im Fall von Johannes 1,1 ist der Befund bemerkenswert eindeutig. Der kritische Apparat der wissenschaftlichen Ausgabe des griechischen Neuen Testaments (Nestle-Aland, 28. Auflage – NA28) verzeichnet zu diesem Vers keine textkritischen Varianten.[1] Auch Bruce Metzgers textkritischer Kommentar führt zu Johannes 1,1 keinen entsprechenden Eintrag an.[2] Der Wortlaut des Verses ist also in den Handschriften stabil überliefert.
Lediglich die vorangehende Überschrift des Evangeliums (die sogenannte Inscriptio) erscheint in einigen Handschriften in leicht unterschiedlichen Formen. Diese Varianten betreffen jedoch nicht den eigentlichen Text des Verses.
Eine textkritische Diskussion tritt erst ab Vers 3 auf. Dort stellt sich die Frage, ob die Phrase oude hen ho gegonen („nicht eines, das geworden ist“) zum vorhergehenden oder zum folgenden Satz gehört. Der Hintergrund dieser Diskussion ist, dass die frühesten Handschriften keine Interpunktion kannten. Für die Bedeutung von Johannes 1,1 spielt diese Frage jedoch keine Rolle.
Damit ist für die Auslegung von Johannes 1,1 keine textkritische Vorentscheidung erforderlich. Der Vers liegt in den Handschriften klar und einheitlich vor.
Grammatik / Syntax
Der griechische Grundtext von Johannes 1,1 lautet: En archē ēn ho logos, kai ho logos ēn pros ton theon, kai theos ēn ho logos.
Der Vers besteht aus drei kurzen Hauptsätzen, die jeweils mit kai („und“) verbunden sind und drei unterschiedliche aber zusammenhängende Aussagen über das gleiche Subjekt treffen.
Der erste Satz lautet: En archē ēn ho logos („Im Anfang war das Wort“). Subjekt ist ho logos („das Wort“), das Prädikat ist ēn („war“) und die Präpositionalphrase en archē („im Anfang“) verortet das Subjekt in einem zeitlichen Rahmen. Konkret wird gesagt, dass während alles Geschaffene irgendwann ins Dasein kam (vgl. Vers 3), der Logos selbst von Anfang an existierte. Er ist also seiner Natur nach ewig.
Der zweite Satz lautet: kai ho logos ēn pros ton theon („und das Wort war bei Gott“). Hier wird erneut das Subjekt ho logos genannt. Die Präposition pros („bei“) mit dem Akkusativ ton theon („Gott“) benennt eine Relation zwischen Logos und Gott. Er ist nicht nur ewig, sondern von Ewigkeit an bei Gott.
Der dritte Satz lautet: kai theos ēn ho logos („und das Wort war Gott“). Gerade dieser Teil des Verses ist in der Exegese besonders häufig diskutiert worden. Grammatisch steht theos („Gott“) als Prädikatsnomen zum Subjekt ho logos („das Wort“). In solchen Konstruktionen wird das Subjekt gewöhnlich durch den Artikel markiert (ho logos), während das Prädikatsnomen (theos) oft ohne Artikel erscheint. Die Stellung des Prädikatsnomens vor dem Verb betont das Wesen des Subjekts.[3]
Ähnliche Satzstrukturen finden sich auch an anderen Stellen des Neuen Testaments, etwa in Johannes 4,24 (pneuma ho theos – „Gott ist Geist“), Johannes 9,5 (phōs eimi tou kosmou – „ich bin das Licht der Welt“) oder 1 Johannes 4,8 (ho theos agapē estin – „Gott ist Liebe“).
Dass theos hier ohne Artikel steht, bedeutet im Griechischen nicht „ein Gott“. Auch im weiteren Verlauf des Kapitels erscheint theos mehrfach ohne Artikel, obwohl eindeutig von Gott die Rede ist (vgl. Joh 1,6.12–13).
Des Weiteren überzeugt auch nicht die Übersetzung „das Wort war göttlich“. Für eine solche Bedeutung hätte dem Griechischen mit theios auch ein eigenes Adjektiv zur Verfügung gestanden (vgl. 2Petr 1,4: theias koinōnoi physeōs – „Teilhaber göttlicher Natur“). Johannes verwendet jedoch bewusst das Substantiv theos, weil er das Wesen des Subjekts herausstellen will. Der Evangelist beschreibt den Logos damit nicht lediglich als gottähnlich, sondern als den, der Anteil an jener göttlichen Identität hat, von der im Prolog mehrfach die Rede ist.
Gleichzeitig vermeidet die gewählte Formulierung eine vollständige Gleichsetzung von Wort und Gott. Johannes verwendet nicht zwei Nomen mit bestimmtem Artikel. Eine solche Formulierung hätte die zuvor ausgesagte Beziehung („das Wort war bei Gott“) aufgehoben.
Der Satz hält daher zwei Aussagen gleichzeitig fest: Der Logos wird von Gott unterschieden, und zugleich wird er als Gott bezeichnet.
Rezeptionsgeschichte
Bereits die frühesten Übersetzungen des Johannesevangeliums geben Johannes 1,1 in diesem Sinn wieder. Die altlateinischen Versionen formulieren Deus erat Verbum und die syrische Peschitta Alāhā it hawā miltā, was jeweils mit „Gott war das Wort“ zu übersetzen ist. Auch die ältesten Übersetzungstraditionen bestätigen damit eine Identifikation des Logos mit Gott.[4] Zwar können Sprachen wie Latein und Syrisch die griechische Artikeldifferenz nicht exakt wiedergeben; zugleich findet sich in diesen frühen Übersetzungen kein Hinweis darauf, dass der Vers in einem anderen Sinn verstanden wurde oder dass eine entsprechend abweichende Übersetzung als notwendig erschien.
In gleicher Weise versteht auch die Alte Kirche den Vers. So zitiert beispielsweise Irenäus im 2. Jahrhundert die Passage: „… und Gott war das Wort“.[5] In seiner weiteren Argumentation beschreibt er den Logos ausdrücklich als Schöpfer und betont seine klare Unterscheidung vom Geschöpf: „der Gott, welcher alles gemacht hat, samt seinem Worte allein [wird] rechtmäßig Gott und Herr genannt“.[6] Zugleich identifiziert er dieses Wort eindeutig mit Jesus Christus: „Dieser Sohn Gottes also ist unser Herr und das Wort des Vaters und der Sohn des Menschen“.[7] Damit ist diese Leseart von Johannes 1,1 bereits in der frühesten christlichen Auslegung belegt.
In diesem Sinne geben auch moderne wissenschaftliche Bibelübersetzungen den Text in Deutsch wieder. Dazu gehören etwa die Lutherbibel 2017, die Einheitsübersetzung 2016, die Elberfelder Bibel, die Schlachter-Bibel 2000, die Neue Genfer Übersetzung, die Gute Nachricht Bibel, die Hoffnung für alle, sowie die Menge-Bibel. Alle diese Übersetzungen geben die Gottheit des Logos ausdrücklich wieder. Übersetzungen wie „ein Gott“ finden sich dagegen nur sehr vereinzelt in konfessionellen Sonderübersetzungen wie der Neue-Welt-Übersetzung, weil sie sich in der wissenschaftlichen Bibelübersetzungs- und Exegesetradition nicht durchgesetzt haben.
Literarischer Kontext
Der Prolog (Joh 1,1-18) fungiert als programmatische Einführung der Kernmotive, die im weiteren Verlauf des Evangeliums entfaltet werden. Dazu gehören Begriffe wie Leben, Licht, Zeugnis, Wahrheit und Herrlichkeit. Das Evangelium entfaltet diese Themen in den Worten und Taten Jesu.
Der Prolog selbst lässt sich in mehrere thematische Abschnitte gliedern: Zunächst wird der Logos in seiner Beziehung zu Gott und seiner Rolle in der Schöpfung beschrieben (Joh 1,1–5). Es folgt das Zeugnis Johannes des Täufers über das kommende Licht (1,6–8). Danach wird die Reaktion der Welt auf dieses Licht dargestellt (1,9–13), bevor der Abschnitt in der Aussage über die Menschwerdung des Logos kulminiert: „Und das Wort wurde Fleisch“ (1,14). Damit wird der Übergang von der präexistenten Wirklichkeit des Logos zur geschichtlichen Erscheinung Jesu Christi vollzogen.
Bereits die Eröffnungsformel En archē („im Anfang“) stellt eine bewusste Verbindung zur Schöpfungserzählung in 1. Mose 1,1 her. Während die Genesis mit dem Beginn der Schöpfung einsetzt, richtet Johannes den Blick auf die Wirklichkeit vor diesem Anfang. Der Logos wird als bereits existierend vorgestellt und zugleich als derjenige beschrieben, durch den alles geworden ist (Joh 1,3). Der Logos wird hier nicht als Teil der Schöpfung verstanden, sondern als ihr Ursprung.
Der weitere Verlauf des Prologs entfaltet diese Perspektive. Der Logos erscheint als Quelle des Lebens und als Licht der Menschen (Joh 1,4–5). Diese Motive werden im Evangelium später christologisch entfaltet, wenn Jesus sich selbst als „das Licht der Welt“ bezeichnet (Joh 8,12) und als derjenige auftritt, der Leben gibt (Joh 11,25). Auf diese Weise fungiert der Prolog als hermeneutischer Schlüssel für das gesamte Evangelium: Die Worte und Werke Jesu werden von Anfang an als Offenbarung Gottes verstanden.
Der literarische Zusammenhang macht damit deutlich, dass Johannes 1,1 nicht isoliert steht. Der Vers eröffnet eine Darstellung, in der der Logos zugleich als präexistent bei Gott, als göttlicher Schöpfer und schließlich als der in Jesus Christus Mensch gewordene Sohn vorgestellt wird. Die Aussage „kai theos ēn ho logos“ bildet somit den Ausgangspunkt für die Gottesoffenbarung, die im weiteren Verlauf des Evangeliums entfaltet wird.
Fazit
Die Untersuchung zeigt, dass Johannes 1,1 textlich stabil überliefert und grammatikalisch eindeutig aufgebaut ist. Die Konstruktion „kai theos ēn ho logos“ beschreibt den Logos als Gott, ohne ihn mit dem Vater zu identifizieren. Dieses Verständnis wird sowohl durch die frühesten Übersetzungen als auch durch die Auslegung der Alten Kirche bestätigt. Im literarischen Kontext des Prologs erscheint der Logos zugleich als präexistenter Schöpfer und als der in Jesus Christus Mensch gewordene Sohn. Johannes 1,1 bildet damit den programmatischen Ausgangspunkt für die Christologie des gesamten Evangeliums.
[1] Nestle und Nestle, Nestle-Aland: NTG Apparatus Criticus, hg. von Barbara Aland u. a., 28. revidierte Auflage (Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft, 2012), 292.
[2] Metzger, A textual commentary on the Greek New Testament, second edition a companion volume to the United Bible Societies’ Greek New Testament (4th rev. ed.) (London; New York: United Bible Societies, 1994), 167–168.
[3] Von Siebenthal, Griechische Grammatik zum Neuen Testament (Gießen; Basel: Brunnen Verlag; Immanuel-Verlag, 2011), 193f.
[4] Vgl. hierzu die „Vetus Latina Iohannes Synopsis“ und die englischen Übersetzungen der „Peshitta“.
[5] Irenäus, Gegen die Häresien, III.11.8.
[6] Irenäus, Gegen die Häresien, III.8.3.
[7] Irenäus, Gegen die Häresien, III.19.3.




