In meinem Artikel „Lehrt Hebräer 10 die Verlierbarkeit des Heils?“ habe ich die Worte „durch das er geheiligt wurde“ auf Christus bezogen. Da ich diese Deutung dort nur knapp begründet habe, möchte ich hier genauer erklären, warum ich sie für deutlich überzeugender halte als den Bezug auf den Abtrünnigen.
Zur Grammatik
Hebräer 10,29 spricht von dem, der „den Sohn Gottes mit Füßen getreten, das Blut des Bundes, durch das er geheiligt wurde, für gemein erachtet und den Geist der Gnade geschmäht hat“.
Die Relativkonstruktion „durch das“ bezieht sich auf das Blut des Bundes. Offen bleibt jedoch, wer durch dieses Blut geheiligt wurde. Die griechische Verbform ἡγιάσθη steht in der dritten Person Singular, nennt aber kein ausdrückliches Subjekt. Dafür kommen zwei zuvor genannte Personen infrage: der Abtrünnige und der Sohn Gottes.
Der Bezug auf den Abtrünnigen liegt beim ersten Lesen näher, weil ihn die drei Partizipien als Handelnden des übergeordneten Satzes beschreiben. Daraus folgt jedoch nicht, dass er auch das unausgesprochene Subjekt des Relativsatzes sein muss.
Ein vergleichbarer Subjektwechsel begegnet in Römer 1,1–2. Paulus bezeichnet sich dort als einen „berufenen Apostel, abgesondert zum Evangelium Gottes, das er zuvor durch seine Propheten verheißen hat“. Das Subjekt von „verheißen hat“ ist nicht Paulus, sondern Gott. Im übergeordneten Satz wird Gott jedoch nur durch das Genitivattribut „Gottes“ zum Substantiv „Evangelium“ genannt. Im Relativsatz ist er dennoch das unausgesprochene Subjekt von „verheißen hat“, wie sich aus dem Inhalt eindeutig ergibt.
Römer 1 ist keine genaue syntaktische Parallele zu Hebräer 10,29. Das Beispiel zeigt lediglich, dass das unausgesprochene Subjekt eines Relativsatzes nicht mit dem Handelnden des übergeordneten Satzes identisch sein muss. Die Grammatik macht also beides möglich. Wer gemeint ist muss deshalb aus dem Zusammenhang bestimmt werden.
Was der Bezug auf den Abtrünnigen erklären muss
Bezieht man die Worte „durch das er geheiligt wurde“ auf den Abtrünnigen, muss geklärt werden, welche Wirkung das Blut Christi an ihm gehabt haben soll. Entweder bezeichnet die Heiligung dieselbe innere Heilswirkung, die der Hebräerbrief in den Kapiteln 9 und 10 dem Opfer Christi zuschreibt, oder sie meint lediglich eine äußere Absonderung für Gott. Beide Ansätze bringen erhebliche theologische Schwierigkeiten mit sich.
Eine innere Heiligung
Die erste Variante versteht den Begriff der Heiligung als Reinigung, Erneuerung und Absonderung im Geist.
In Hebräer 9 wird die Wirkung des Blutes Christi der begrenzten Wirkung des alten Bundeskultes gegenübergestellt. Christus ist mit seinem eigenen Blut in das Heiligtum eingegangen und hat eine „ewige Erlösung“ erwirkt. Sein Blut „reinigt das Gewissen von toten Werken“, damit die Erlösten „dem lebendigen Gott dienen“ können (Hebr 9,12–14).
Kapitel 10 führt diese Aussagen weiter. Durch Gottes Willen sind die Glaubenden „durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi geheiligt“ worden (10,10), und mit diesem einen Opfer hat Christus die Geheiligten „für immer vollkommen gemacht“ (10,14). Unmittelbar anschließend verbindet der Verfasser diese Wirkung mit der Verheißung des Neuen Bundes. Gott will seine Gesetze „in ihre Herzen geben“ und „in ihren Sinn schreiben“ und ihrer „Sünden und Gesetzlosigkeiten nicht mehr gedenken“. Wo diese Vergebung besteht, gibt es „kein Opfer für Sünde mehr“ (10,15–18).
Der Verfasser führt diese Verheißung nicht als bloße Zukunftsaussicht an. Er zieht aus ihr unmittelbar die geltende Folgerung, dass dort, wo Vergebung besteht, kein weiteres Opfer nötig ist. Sie erklärt, was das eine Opfer Christi im Neuen Bund tatsächlich bewirkt.
Bezieht sich die Heiligung in Vers 29 auf den Abtrünnigen und meint sie dieselbe innere Heilswirkung, dann müsste auch von ihm gelten, was Hebräer 9 und 10 dem Opfer Christi zuschreiben. Dies wäre aber mit seiner endgültigen Verurteilung unvereinbar. Man müsste also Schlussfolgern, dass das Opfer Christi gerade nicht bewirken kann, was der Brief als „ewige Erlösung“, als „ein für alle Mal“ geschehene Heiligung und als Vollendung „für immer“ beschreibt. Das ist schlicht ein direkter und unvereinbarer Widerspruch.
Eine äußere Heiligung
Die zweite Variante deutet den Begriff der Heiligung als eine äußere Weihe des Abtrünnigen.
Es geht dabei also nicht um eine innere Heilswirkung des Abtrünnigen, sondern um eine äußere sakramentale Absonderung, etwa durch die Taufe und Gemeindemitgliedschaft. Die Stellung des Abtrünnigen entspräche dann der eines Juden im Alten Bund. Das Volk wurde durch das Bundesblut für Gott abgesondert, ohne dass dieses Blut das Gewissen reinigen oder Sünden endgültig nehmen konnte.
Eine solche äußerliche Heiligung ordnet der Hebräerbrief dem alten Bund zu. Das Blut von Böcken und Stieren heiligt „zur Reinheit des Fleisches“, erreicht aber nicht das Gewissen und kann die Hinzutretenden nicht vollkommen machen (Hebr 9,13; 10,1–4). Christi Blut wird gerade davon unterschieden. Eine rein äußere Heiligung durch das Blut Christi würde ihm dieselbe Art äußerlicher Wirkung zuschreiben wie dem Blut der Opfer im Alten Bund.
Der Hebräerbrief führt Jeremia 31 in Kapitel 8 und erneut in Kapitel 10 an, weil der Neue Bund ausdrücklich „nicht wie“ der Bund am Sinai ist, weder in seinen Elementen noch in seinen Verheißungen. Der Bund am Sinai forderte von seinen Gliedern Gehorsam, verlieh ihnen aber nicht die Kraft, dieser Bedingung Folge zu leisten. Im Neuen Bund verheißt Gott selbst, sein Gesetz in Herz und Sinn zu schreiben, allen seinen Gliedern die Erkenntnis seiner selbst zu schenken und ihrer Sünden nicht mehr zu gedenken. Im Blick auf die Heilswirksamkeit geht es daher nicht von „weniger zu mehr“, sondern von „gar nicht zu vollkommen“.
Christus ist der Mittler eines besseren Bundes mit besseren Verheißungen. Dieser Bund ist gerade „nicht wie“ der Bund mit den Vätern. Das ist der ganze Punkt, nicht nur von Jeremia 31, sondern auch von Hebräer 7–10.
Die innere Deutung widerspricht damit der Wirksamkeit der Verheißungen des Neuen Bundes; die äußere überträgt die Ordnung des Sinai-Bundes auf ihn und verwischt so die wesensmäßige Verschiedenheit beider Bünde. Der Bezug auf den Abtrünnigen überzeugt daher in keiner der beiden Varianten.
Warum der Bezug auf Christus besser passt
Bezieht sich der Relativsatz auf Christus, bezeichnet seine Heiligung keine innere Reinigung von Sünde, sondern seine Weihe an Gott für den ihm übertragenen Dienst. In diesem Sinn wird ἁγιάζω im Neuen Testament auf Christus angewandt. Der Vater hat ihn „geheiligt und in die Welt gesandt“ (Joh 10,36), und Jesus sagt im Blick auf seine Hingabe für die Seinen: „Für sie heilige ich mich selbst“ (Joh 17,19). In beiden Fällen geht es nicht um die Reinigung Christi, sondern um seine Absonderung und Hingabe für das Werk, zu dem der Vater ihn gesandt hat.
Den kultischen Hintergrund bietet die Priesterweihe. Aaron und seine Söhne wurden durch Mose mit dem Blut von Opfern geheiligt, die für sie dargebracht wurden (2Mo 29,21). Sie wurden also durch einen anderen und mit fremdem Opferblut für ihren Dienst geweiht. Christus dagegen ist der Hohepriester, der sich selbst als Opfer darbringt. Er wird nicht durch einen menschlichen Mittler mit dem Blut eines anderen geweiht, sondern weiht sich Gott durch sein eigenes Opfer.
Diesen Unterschied entfaltet Hebräer 9,11–12: „Christus aber – gekommen als Hoherpriester der zukünftigen Güter, in Verbindung mit der größeren und vollkommeneren Hütte, die nicht mit Händen gemacht, das heißt nicht von dieser Schöpfung ist, auch nicht mit Blut von Böcken und Kälbern, sondern mit seinem eigenen Blut – ist ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen, als er eine ewige Erlösung erfunden hatte.“
Wie John Owen anmerkt, beantwortet die Wendung „mit seinem eigenen Blut“ die Frage, auf welcher Grundlage Christus als Hohepriester des himmlischen Heiligtums seinen Dienst antrat. Er schreibt:
„Er trat dort kraft seines eigenen Blutes ein – jenes Blutes, das vergossen wurde, als er sich selbst Gott zum Opfer darbrachte. Dadurch wurde die Grundlage für die Ausübung seines priesterlichen Amtes im Himmel gelegt und sein Recht darauf begründet. Zugleich erwirkte er auf diese Weise all jene Heilsgüter, die er uns durch seinen himmlischen Priesterdienst wirksam zueignet.“1
Genau diesen in Hebräer 9 beschriebenen Zusammenhang greift Owen bei seiner Auslegung von Hebräer 10,29 wieder auf. Der Relativsatz bezieht sich nach seinem Urteil auf Christus, der durch das von ihm selbst dargebrachte Bundesblut „geheiligt und Gott zum ewigen Hohepriester geweiht“ wurde.2
Vor diesem Hintergrund können die Worte „durch das er geheiligt wurde“ Christi Weihe für die himmlische Ausübung seines hohepriesterlichen Amtes bezeichnen. Der Relativsatz erklärt dann die besondere Würde des Blutes, das der Abtrünnige für gemein hält. Es ist nicht irgendein Blut, sondern das eigene Opferblut des Sohnes, durch das er sich Gott darbrachte und in das himmlische Heiligtum einging.
Die Aussage über Christi Heiligung ist daher keine beiläufige Bemerkung. Sie verschärft die zweite Anklage und trägt zur Steigerung gegenüber der Verwerfung des mosaischen Gesetzes bei. Der Abtrünnige tritt den Sohn Gottes mit Füßen, erklärt das Blut seines hohepriesterlichen Opfers für gemein und schmäht den Geist der Gnade. Doch wenn jene, die das kraftlose Blut des alten Bundes verschmähten, bereits ohne Barmherzigkeit starben, wie viel schlimmer wird es denen ergehen, die den vollkommenen Priesterdienst Christi von sich stoßen?
Fazit
Hebräer 10,29 spricht nicht von einem Menschen, der durch Christi Blut endgültig geheiligt und dennoch wieder verloren wurde. Ebenso wenig zeigt die Stelle, dass der Neue Bund doch so wirkungslos wie der Alte Bund ist. Der Kontext der Passage legt nahe, dass der Relativsatz am sinnvollsten auf Christus bezogen wird – auf den Sohn Gottes, der sich durch sein eigenes Bundesblut Gott als ewiger Hohepriester geweiht hat.




