Auf der Suche nach Christus in seinem Wort

Lehrt Hebräer 10 die Verlierbarkeit des Heils?

26 Denn wenn wir mutwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, bleibt kein Schlachtopfer für Sünden mehr übrig. 27 Es bleibt nur ein furchtbares Erwarten des Gerichts und der Eifer eines Feuers, das die Widersacher verzehren wird. 28 Hat jemand das Gesetz Moses verworfen, stirbt er ohne Barmherzigkeit auf zwei oder drei Zeugen hin. 29 Wie viel schlimmere Strafe, meint ihr, wird der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen getreten, das Blut des Bundes, durch das er geheiligt wurde, für gemein erachtet und den Geist der Gnade geschmäht hat? 30 Denn wir kennen den, der gesagt hat: »Mein ist die Rache, ich will vergelten.« Und wiederum: »Der Herr wird sein Volk richten.« 31 Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!

Die Kurzantwort lautet: Nein!

Hebräer 10,26–31 sagt nicht, dass ein wahrhaft wiedergeborener Christ seine Erlösung verlieren kann. Gemeint sind Menschen, die das Evangelium gehört und als wahr anerkannt haben. Sie haben sich öffentlich zu Christus bekannt und gehörten zur sichtbaren Gemeinde. Trotzdem besaßen sie nie rettenden und beharrenden Glauben. Ihr späterer Abfall zeigt, dass ihr äußeres Bekenntnis nicht mit innerer Erneuerung verbunden war.

Im Bild vom vierfachen Ackerfeld entsprechen sie nicht dem guten, sondern dem felsigen oder von Dornen überwucherten Boden. Das Wort geht zwar auf, aber es bringt keine bleibende Frucht (Mt 13,1–23).

Kontext

Der Kontext von Hebräer 7–10 zeigt, wie sehr Christus dem Priesterkult Israels überlegen ist. Der neue Bund ist nicht wie der alte. Er wird durch einen besseren Priester vermittelt, beruht auf einem besseren Opfer und ist auf bessere Verheißungen gegründet (Hebr 7,22; 8,6.9).

  • Das levitische Priestertum und seine Opfer konnten niemanden vollkommen machen und wurden deshalb beiseitegesetzt. Christus besitzt dagegen ein bleibendes Priestertum und hat sich ein für alle Mal geopfert (Hebr 7,11–19.23–28).
  • Die Priester des alten Bundes dienten in einem irdischen Heiligtum, das nur Abbild und Schatten des himmlischen war. Christus dient im wahren, himmlischen Heiligtum (Hebr 8,1–5; 9,11.23–24).
  • Das Blut der Tiere bewirkte nur eine äußerliche, zeremonielle Reinigung des Fleisches. Es konnte das Gewissen nicht vollkommen reinigen. Christi Blut erwirkt dagegen ewige Erlösung, reinigt das Gewissen und vermittelt das verheißene ewige Erbe (Hebr 9,9–15).
  • Die alten Opfer konnten Sünden nicht wegnehmen und mussten immer wieder dargebracht werden. Christus brachte sich selbst ein für alle Mal dar (Hebr 10,1–4.10–12).
  • Durch dieses eine Opfer hat Christus die Geheiligten für immer vollkommen gemacht (Hebr 10,14).

Auslegung

In diesem Zusammenhang meint „mutwillig sündigen“ in Hebräer 10,26 nicht jede bewusst begangene Sünde. Direkt vorher werden die Leser aufgefordert, an ihrem Bekenntnis festzuhalten und die Versammlung der Gemeinde nicht aufzugeben (Hebr 10,23–25). Das mutwillige Sündigen beschreibt das Gegenteil davon. Gemeint ist die bewusste, entschiedene und endgültige Lossagung von Christus und von dem Evangelium, das zuvor als wahr anerkannt wurde.

Vers 29 erklärt, worin dieser Abfall besteht. Der Betreffende hat „den Sohn Gottes mit Füßen getreten“, „das Blut des Bundes […] für gemein erachtet“ und „den Geist der Gnade geschmäht“. Es geht also nicht um einen Fall aus Schwachheit. Es geht um die bewusste Verwerfung Christi, seines Opfers und des göttlichen Zeugnisses über ihn.

Die Worte „die Erkenntnis der Wahrheit empfangen“ bedeuten, dass diese Menschen die Botschaft des Evangeliums gehört und ihre Wahrheit anerkannt hatten. Sie hatten etwas von ihrer Kraft und Vortrefflichkeit wahrgenommen und sich öffentlich dazu bekannt. Das heißt aber nicht, dass sie innerlich wiedergeboren oder durch rettenden Glauben mit Christus verbunden waren.

Dass „kein Schlachtopfer für Sünden mehr übrig“ bleibt, bedeutet nicht, dass Christi Opfer unzureichend wäre, sondern dass es keine Alternative gibt. Der Hebräerbrief hat kurz zuvor erklärt, dass Christus sich ein für alle Mal geopfert hat. Sein Opfer kann weder wiederholt noch durch ein anderes ergänzt werden (Hebr 9,25–28; 10,10–14.18). Neben dem Opfer Christi gibt es kein weiteres Sühnemittel. Wer Christus und sein Opfer endgültig verwirft, verwirft damit das einzige von Gott eingesetzte Mittel zur Vergebung.

Die Worte „das Blut des Bundes, durch das er geheiligt wurde“ beziehen sich auf Christus und nicht auf den Abtrünnigen. Grammatisch kann sich das „er“ auf beide beziehen. Der Satzbau allein entscheidet die Frage deshalb nicht. Für den Bezug auf Christus spricht der größere Zusammenhang. Hebräer 7–10 handelt durchgehend von Christi Hohepriesteramt, seinem eigenen Opfer und seinem Eintritt in das himmlische Heiligtum.

„Geheiligt“ bedeutet nicht, dass Christus von Sünde gereinigt worden wäre. Er war sündlos. Gemeint ist seine Weihe und Einsetzung für das ewige Hohepriesteramt. Die Priester des alten Bundes wurden durch Mose und durch das Blut von Tieropfern für ihren Dienst geweiht (2. Mose 29,20–21; 3. Mose 8,22–30). Christus hingegen wurde weder von jemand anderem noch durch fremdes Blut für sein Amt geweiht. Als Priester brachte er sich selbst als Opfer dar und weihte sich durch sein eigenes Blut Gott. Er heiligte sich selbst für sein priesterliches Werk (Joh 17,19). Durch sein Leiden wurde er als Urheber des Heils vollendet (Hebr 2,10; 5,7–9). Er trat nicht mit dem Blut von Böcken und Kälbern in das Heiligtum ein, sondern ein für alle Mal mit seinem eigenen Blut (Hebr 9,11–12). In einem anderen Artikel erkläre ich das Ganze noch ausführlicher.

Der Abtrünnige erklärt also genau das Blut für gemein, durch das Christus sich Gott als Opfer darbrachte und als ewiger Hohepriester geweiht wurde.

Hebräer 10,28–29 argumentiert vom Kleineren zum Größeren. Wer „das Gesetz Moses verworfen“ hatte, wurde schon ohne Barmherzigkeit bestraft. „Wie viel schlimmere Strafe“ verdient dann derjenige, der den Sohn Gottes, sein vollkommenes Opferblut und den Geist der Gnade verachtet?

Diese Steigerung passt zum ganzen Aufbau von Hebräer 7–10. Das Blut des alten Bundes konnte nur äußerlich und zeremoniell reinigen. Christi Blut bringt ewige Erlösung und wirkliche Reinigung. Darum wiegt die bewusste Verwerfung Christi ungleich schwerer als die Verwerfung des mosaischen Gesetzes.

Fazit

Die Warnung richtet sich also an Menschen, die sich äußerlich zum Evangelium bekennen und zur Gemeinde gesellen, Christus aber nie mit rettendem und beharrendem Glauben ergriffen haben. Wenn sie ihn schließlich bewusst und endgültig verwerfen, fallen sie nicht aus der Wiedergeburt heraus. Sie fallen von ihrem bisherigen Bekenntnis ab. Ihr Abfall zeigt, dass sie nie wahrhaft zu Christus gehörten (Hebr 3,6.14; 10,38–39). Und ohne das einzige Opfer, das Sünden wegnehmen kann, bleibt ihnen nur „ein furchtbares Erwarten des Gerichts“, wenn sie „in die Hände des lebendigen Gottes […] fallen“ (Hebr 10,27.31).

2 Kommentare

  • Lieber Robin, das kann man nicht unwidersprochen so stehen lassen.

    Der Hebräerbrief ist ganz klar an echte Heilige (= Wiedergeborene geschrieben, siehe Kap 3:1, 3:6, 6:9 10:32-34, 13:24 – nicht etwa an Scheinchristen.
    Ignorierst du das einfach, weil es nicht in deine vorgefasste Ansicht von der Unverlierbarkeit des Heils passt?

    Die Aussage “Der Kontext von Hebräer 7–10 zeigt, wie sehr Christus dem Priesterkult Israels überlegen ist” geht etwas zu weit.
    Korrekt wäre, dass es darum in Hebr 6:20 – 10:18 geht – im Rest des Kapitels geht es doch ganz klar um die Reaktion der Gläubigen darauf.
    Insbesondere geht es in Kap 10:23-31 doch nicht um Christus als Hohepriester, sondern um Leute, die potentiell von ihm abfallen.

    Richtig ist deine Erklärung, dass es in Vers 29 (und den folgenden) nicht um normale teils bewusst begangene Sünden geht,
    sondern um die bewusste Verwerfung Christi, seines Opfers und des göttlichen Zeugnisses über ihn.

    Leider ganz verquer wird es mit der Verdrehung/Umdeutung der Worte „das Blut des Bundes, durch das er geheiligt wurde“ in Vers 29.
    Das geht schon mal damit los, dass es recht weit hergeholt ist zu sagen, dass das “er” sich grammatikalisch sich außer auf einen Abtrünnigen auch auf Christus beziehen könnte – denn insgesamt geht es in dem Satz doch eindeutig um den Abtrünnigen, und zwar um dessen Bestrafung aufgrund seiner Taten. Da wäre es schon sehr merkwürdig, wenn dieser Satz nebenbei eine Aussage über die angebliche Heiligung Christi durch sein eigenes Blut beinhaltete!
    Deine Begründung mittels Verweis auf den Kontext passt gar nicht – wie oben schon festgestellt, endet der Kontext bzgl. der Priesterschaft Christi in Vers 18,
    und der Kontext dieses Verses ist eindeutig die Reaktion der Gläubigen auf Christus im Rest des Kapitels.
    Beim Versuch, deine Fehldeutung zu rechtfertigen, deutest du außerdem noch das Wort “geheiligt” in “geweiht” um – aber das griechische Wort “hagaizo” wird nirgends in dieser Richtung übersetzt. Stattdessen bedeutet das Wort “heilig machen”, meist in Form einer Reinigung. Das aber passt semantisch gar nicht auf Christus – der war nämlich schon immer heilig. Es wäre widersinnig, dass Christus sich durch sein eigenes Blut heilig gemacht hätte – nein, sein Blut kann andere heilig machen, in diesem Fall den nun abtrünnig gewordenen Gläubigen.

    Es sollte m.E. auch erwähnt werden, dass es schon in Hebr 6:4-8 eine deutliche Warnung vor dem Abfall vom Glauben gibt.

    Dass der Hebräerbrief in Kap 6 und 10 nur Scheinchristen warnen will, ist widersinnig – denn diese sind ohnehin nicht wiedergeboren. Daher können sie nicht wirklich vom Heil abfallen, und erst recht gilt für sie dann nicht, dass sie damit ihre Chance auf eine Rückkehr auf immer vertun, wovor Kap 10:27 eindringlich warnt. Diese Warnung geht ganz klar an Leute, die das Heil eigentlich hatten, aber es mit Füßen treten – dann gibt es tatsächlich kein Zurück mehr.

    Übrigens, wenn man stur an der Vorstellung festhält, dass ein Wiedergeborener nicht verloren gehen kann, sonder nur Scheinchristen,
    hat das die Konsequenz, dass man bei niemandem (inklusive sich selbst) letztlich sicher sein kann, ob er wiedergeboren und daher gerettet ist –
    denn dann müsste man bis zu seinem Lebensende warten, ob derjenige sich nicht doch noch irgendwann gegen Christus stellt und er damit gemäß dieser Vorstellung nur ein Scheinchrist gewesen sein kann.
    Daraus folgt, dass die Vorstellung von der Unverlierbarkeit der Heils auch die Heilsgewissheit aushebelt.
    Auch daraus wird deutlich, dass diese Vorstellung nicht richtig sein kann.

    • Lieber David,

      danke für deinen ausführlichen Widerspruch. Ich gehe die Punkte der Reihe nach durch. Zunächst freut mich, worin wir übereinstimmen: In Vers 29 geht es nicht um gewöhnliche Sünden, auch nicht um einzelne bewusst begangene, sondern um die endgültige Verwerfung Christi, seines Opfers und des göttlichen Zeugnisses über ihn. Damit ist für die ganze Frage schon viel geklärt.

      Zur Grammatik und zu ἁγιάζω habe ich inzwischen einen eigenen Artikel geschrieben, in dem ich beides ausführlicher begründe: „https://robinblog.de/hebraer-1029-wen-heiligt-das-blut/“. Einen Punkt muss ich hier allerdings korrigieren, weil er eine Tatsachenbehauptung betrifft. Du schreibst, ἁγιάζω werde „nirgends“ im Sinne von „weihen“ gebraucht. Der Vater hat den Sohn „geheiligt und in die Welt gesandt“ (Joh 10,36), und Jesus sagt: „Für sie heilige ich mich selbst“ (Joh 17,19). An beiden Stellen kann keine Reinigung von Sünde gemeint sein. Gemeint ist seine Absonderung und Hingabe für den Auftrag des Vaters. Ebenso wurden Aaron und seine Söhne mit Opferblut „geheiligt“ (2Mo 29,21). Die Septuaginta verwendet dafür dasselbe Verb. Die Bedeutung „weihen“ ist belegter biblischer Sprachgebrauch, der ausdrücklich auch auf den sündlosen Christus angewandt wird. Weitere Stellen, an denen das Verb keine innere Reinigung von Sünde bezeichnen kann, sind Mt 6,9, Lk 11,2 und 1Petr 3,15.

      Zu den Adressaten: Ich ignoriere die von dir genannten Stellen nicht, sondern verstehe sie so, wie der Brief selbst sie einordnet. Er redet die Gemeinde als „heilige Brüder“ an und rechnet zugleich ausdrücklich damit, dass nicht jeder Angeredete ist, was sein Bekenntnis besagt: „Seht zu, Brüder, dass nicht in jemandem von euch ein böses Herz des Unglaubens sei, im Abfallen vom lebendigen Gott“ (3,12). „Wir sind Teilhaber Christi geworden, wenn wir die Zuversicht bis zum Ende standhaft festhalten“ (3,14). Von den Vätern in der Wüste heißt es, das gehörte Wort habe ihnen nichts genützt, „weil es bei denen, die es hörten, nicht mit dem Glauben verbunden war“ (4,2). Am deutlichsten zeigt sich das in Kapitel 6 selbst. Unmittelbar nach der Warnung schreibt der Verfasser, er sei, „was euch betrifft, von besseren Dingen überzeugt, und solchen, die zum Heil gehören“ (6,9). Er sagt damit selbst, dass die Beschreibung der Abgefallenen nicht sein Urteil über die gesamte Leserschaft ist. Dass er die Gemeinde nach ihrem Bekenntnis anspricht und zugleich alle warnt, ist also kein Widerspruch. Der Hebräerbrief tut beides nebeneinander.

      Auf Hebräer 6,4–8, das du zu Recht anführst, möchte ich noch etwas genauer eingehen. Den dort Beschriebenen werden fünf Erfahrungen zugeschrieben: Sie wurden erleuchtet, haben die himmlische Gabe geschmeckt, sind des Heiligen Geistes teilhaftig geworden und haben das gute Wort Gottes sowie die Kräfte des zukünftigen Zeitalters geschmeckt. Nicht zugeschrieben werden ihnen jedoch Glaube, Liebe, Wiedergeburt, Rechtfertigung, Kindschaft oder Vereinigung mit Christus. Der stärkste Ausdruck ist zweifellos, dass sie „des Heiligen Geistes teilhaftig geworden“ sind. Das bezeichnet eine wirkliche Anteilnahme, entscheidet für sich genommen aber noch nicht, welcher Art diese Anteilnahme ist. Der Zusammenhang beschreibt Menschen, die den Geist in seinen Gaben und Wirkungen erfahren haben, ohne die zum Heil gehörende Frucht hervorzubringen. Unmittelbar danach spricht der Verfasser bei seinen Lesern von „Besserem, das zum Heil gehört“, und nennt ihr Werk und die Liebe, die sie Gottes Namen erwiesen haben (6,9–10). Dieser Kontrast wäre schwer verständlich, wenn die zuvor Beschriebenen bereits alles besessen hätten, was zum Heil gehört. Dazu kommt das Gleichnis in den Versen 7 und 8. Derselbe Regen fällt auf beide Äcker, doch der eine bringt nützliche Frucht hervor, während der andere Dornen trägt. Der Unterschied liegt nicht darin, ob der Regen wirklich empfangen wurde, sondern in der Beschaffenheit des Bodens. John Owen bringt das super auf den Punkt: „Die geringste Gnade ist eine bessere Sicherheit für den Himmel als die größten Gaben und Vorrechte.“ Dass es diese Gruppe von Menschen tatsächlich gibt, sagt das Neue Testament ausdrücklich: „Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn wenn sie von uns gewesen wären, wären sie bei uns geblieben“ (1Joh 2,19).

      Ist es dann widersinnig, solche Menschen zu warnen? Nein, aus zwei Gründen.

      Erstens fallen sie zwar nicht vom Besitz des Heils ab, aber durchaus von dem, was sie wirklich hatten: von der Erleuchtung, vom Geschmack der himmlischen Gabe, von der Teilhabe an den Wirkungen des Geistes und von ihrem Bekenntnis. Hebräer 6 sagt nicht, sie seien „vom Heil abgefallen“, sondern beschreibt ihren Abfall nach diesen wirklichen Erfahrungen. Für sie ist dieser Abfall tatsächlich unwiderruflich. Die Evangelien (vor allem Johannes) machen immer wieder diesen Punkt. Menschen Glauben anfänglich wegen der Zeichen und der reden Jesu und fallen dann doch wieder von ihm ab. Und ebenso in der Gemeinde, wer die erkannte und vom Geist bezeugte Wahrheit endgültig verwirft, für den bleibt kein Opfer mehr übrig (10,26). Das liegt nicht daran, dass Gottes Gnade zu klein wäre, sondern daran, dass er das einzige Opfer von sich stößt. Petrus zeigt den Unterschied, oder nicht? Er hat Christus verleugnet und wurde dennoch zur Buße erneuert. Die Warnung trifft nicht den Gestrauchelten, sondern den, der sich endgültig von der erkannten Wahrheit lossagt.

      Zweitens ergehen die Warnungen an die ganze Gemeinde, weil kein Mensch dem anderen ins Herz sieht und weil Gott die Seinen gerade durch solche Warnungen bewahrt. In Apostelgeschichte 27 finden wir ein hilfreiches Beispiel dazu. In Vers 24 verheißt Gott, dass nicht einer der Mitreisenden umkommen wird. Trotzdem erklärt Paulus über die fluchtbereiten Angsthasen: „Wenn diese nicht im Schiff bleiben, könnt ihr nicht gerettet werden“ (Apg 27,31). Beides war wahr. Die Warnung war der Weg, auf dem die Zusage sich erfüllte.

      Zur Heilsgewissheit: Dein Argument kehrt sich bei näherem Hinsehen um. Wenn ein Wiedergeborener endgültig verloren gehen kann, kann vor seinem Tod niemand Gewissheit über sein endgültiges Heil haben. Auch meine eigene Gewissheit wäre dann letztlich eine Prognose darüber, ob ich in Zukunft standhaft bleiben werde. Gerade die Lehre von der Verlierbarkeit macht diese Gewissheit unmöglich. Die biblische Gewissheit ruht auf etwas anderem, nämlich auf Gottes Zusage und Werk. Wo sagt der Hebräerbrief das am stärksten? Unmittelbar nach der Warnung in Kapitel 6. Gott hat den Erben der Verheißung „die Unwandelbarkeit seines Ratschlusses“ mit einem Eid verbürgt, „damit wir einen starken Trost haben“, eine Hoffnung als „sicheren und festen Anker der Seele“ (6,17–19). Derselbe Verfasser, der so ernst warnt, will also, dass die Glaubenden völlig gewiss sind. Das ist nur möglich, wenn die Gewissheit im Anker liegt und nicht in meiner Selbsteinschätzung. Über andere haben wir übrigens auf beiden Positionen keine letzte Gewissheit. Wir urteilen nach Bekenntnis und Frucht. Das ist kein Einwand gegen die Bewahrung, sondern schlicht die Lage jedes Menschen, der keine Herzen lesen kann. Eben deshalb sind wir ja auch dazu angehalten das Unkraut unterm Weizen stehen zu lassen und Jesus die Scheidung bei seiner Wiederkunft zu lassen. Wir sehen aktuell eben buchstäblich nur die sichtbare (gemischte), aber nicht die unsichtbare (abgesonderte/heilige) Gemeinde.

      Zum Kontext noch kurz: Dass die Lehrentfaltung über das Priestertum in 10,18 zu ihrem Ziel kommt und danach die Anwendung folgt, bestreite ich nicht. Aber die Warnung argumentiert aus dieser Lehre. „Kein Schlachtopfer für Sünden mehr übrig“ (10,26) setzt 10,1–18 voraus, und Vers 29 nennt den Sohn Gottes, das Blut des Bundes und den Geist der Gnade. Christus ist in diesem Vers nicht nur erwähnt, sondern steht im Zentrum der Anklage. Warum ich den Relativsatz darüber hinaus auf ihn beziehe, begründe ich im verlinkten Artikel, auf den ich dich herzlich verweise.

      Herzliche Grüße
      Robin

Von Robin
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